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06.08.2025

„Priestersoldaten und Kriegstheologen“: Das Eichstätter Priesterseminar im Zweiten Weltkrieg

Regens Michael Wohner vor der Gedenktafel für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Foto: Geraldo Hoffmann/pde

Die Erinnerung wachhalten: Regens Michael Wohner vor der Gedenktafel für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs im Atrium des Priesterseminars. Foto: Geraldo Hoffmann/pde

Eichstätt – Eine Gedenktafel im Atrium des Eichstätter Priesterseminars erinnert an 269 Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Sie ist ein sichtbares Zeugnis jener Zeit, als das Haus ein Zufluchtsort für Theologiestudenten und Priesteramtskandidaten aus Süddeutschland und dem Ausland war. Heute, 80 Jahre nach Kriegsende, leben erneut Menschen unter diesem Dach, die vom Krieg betroffen sind. Erinnerungen werden wach.

Unweit des Seminargartens lagert in einem Gebäude der Universitätsbibliothek ein historischer Schatz: Hunderte Fotografien und eine Reihe von Dias aus der NS-Zeit gewähren Einblicke in das damalige Leben im Priesterseminar und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule, die rechtlich eine gemeinsame Einrichtung unter einem Dach bildeten. Die Aufnahmen zeigen Gottesdienste, Prozessionen, Einzelporträts von Alumnen, Gruppenbilder ganzer Jahrgänge, Kriegsdienstleistende und Verwundete – das Seminar wurde während des Krieges teilweise zum Lazarett umfunktioniert. Der fotografische Nachlass des damaligen Regens und Rektors Johannes Evangelist Stigler erzählt Geschichten, von denen viele bis heute nicht vollständig erforscht sind.

Verhöre und Verdächtigungen

Einen Einblick aus erster Hand bietet Andreas Bauch, der von 1934 bis 1947 als Subregens tätig war. In der Festschrift zum 400-jährigen Bestehen des Collegium Willibaldinum (1964) unterscheidet er drei Phasen des nationalsozialistischen Feldzugs gegen die Priesterausbildung. Zunächst versuchte das Regime, die wirtschaftliche Grundlage des Seminars zu untergraben: durch gestrichene Steuervergünstigungen, neue Abgaben und gekürzte Zuschüsse.

Des Weiteren gab es überall im Reich Versuche der Nazis, vor allem die katholische Geistlichkeit durch aufgedeckte Missbrauchsfälle zu diskreditieren, was vielerorts zu sogenannten „Sittlichkeitsschauprozessen“ führte. „Man glaubte, durch Aussagen Jugendlicher moralisch belastendes Material gegen das Seminar gewinnen zu können“, schreibt Bauch. Seminaristen wurden stundenlang verhört und sollten vorbereitete Geständnisse unterschreiben. „Sie ließen sich nicht dazu bewegen“, erzählt Bauch. Am gefährlichsten aber war die dritte Phase: Der Versuch, das Seminar als staatsfeindliche Einrichtung darzustellen. Der Regens und mehrere Alumnen wurden vorübergehend verhaftet und verhört, persönliche Gegenstände durchsucht. Allein im Jahr 1937 wurde das Seminar dreizehnmal von der Gestapo durchsucht, mit dem Ziel, es aufzulösen. Seminarbewohner mussten an Übungen der Hitlerjugend teilnehmen, Theologiestudenten wurden zum Reichsarbeitsdienst befohlen.

Eichstätt als letzter Zufluchtsort

Trotz der Repressionen erlebte das Seminar zunächst einen starken Zulauf. Die Zahl der Priesteramtskandidaten stieg ab 1933 rasant: Von 104 im Studienjahr 1931/32 auf 196 im Jahr 1937/38. Die Hörerzahlen an der Hochschule explodierten: Von 108 im Studienjahr 1932/33 auf 621 im Jahr 1939/40. Grund war die Schließung nahezu aller anderen theologischen Bildungseinrichtungen in Süddeutschland durch das NS-Regime. Eichstätt war der letzte verbliebene Ort für die Priesterausbildung. „Das stille Altmühlstädtchen wurde über Nacht zu einem Zentrum der süddeutschen Theologen“, schreibt Andreas Bauch. Doch auch die Kapazitäten des Seminars reichten bald nicht mehr aus. Außer 41 Pfälzern wohnten im Hause 110 Priesteramtskandidaten aus der Erzdiözese München-Freising, 89 aus der Diözese Regensburg und 58 aus der Diözese Passau. Im Kapuzinerkloster lebten 47 Alumnen aus dem Erzbistum Bamberg, 49 Theologen aus der Diözese Rothenburg-Stuttgart wohnten im Institut der Englischen Fräulein (Maria-Ward). Alle übrigen mussten in Privathaushalten unterkommen.

Mit Kriegsbeginn änderte sich die Lage schlagartig: Einberufungen reduzierten die Zahl der Theologiestudenten. 1940/41 waren es noch 238, 1942/43 nur noch 22 schwerverwundete oder kriegsuntaugliche Alumnen (neben 112 Seminaristen im Knabenseminar). 1944/45 lebten wieder 136 Studierende im Haus, unter ihnen 100 litauische Theologen, die vor der Roten Armee geflohen waren. Bereits 1941 hatte die Hochschule ihren öffentlich-rechtlichen Status verloren; die Diözese trug daraufhin bis 1946 die Personalkosten allein.

Lazarett und überfüllte Keller

Ab Kriegsbeginn beschlagnahmte das NS-Regime mehrere Gebäude des Priesterseminars. Im sogenannten Kasinogebäude waren zeitweise Soldaten und Polizisten einquartiert; von 1942 bis 1945 lebten dort rund 160 Kinder, die aus Luftkriegsgebieten evakuiert worden waren. Den Trakt, in dem sich heute das Collegium Orientale befindet, beanspruchte die Wehrmacht, zunächst zur Unterbringung einer Wachkompanie, später als Reservelazarett. Am 1. März 1944 trafen die ersten 120 Verwundeten ein. Holzverschalungen trennten das Lazarett vom Priester- und Knabenseminar.

Ab Anfang 1945 verschärften sich die Einschränkungen dramatisch: Strom, Gas, Telefon, Post und Verkehr waren rationiert, Brot wurde knapp. In den letzten Kriegswochen suchten viele Eichstätter im Keller des Seminars Schutz vor Luftangriffen. Rote-Kreuz-Flaggen am Gebäude und im Garten sollten Verwundete schützen. Am 25. April 1945 rückten amerikanische Truppen kampflos in Eichstätt ein, der Krieg endete.

Eichstätt blieb weitgehend unzerstört. Das Seminar hatte überlebt, aber hohe Verluste erlitten. Zwischen 1939 und 1945 fielen laut Andreas Bauch 269 Theologen, 70 gelten als vermisst, „sodass die Verlustziffer 339 Tote umfasst“. Aus der Diözese Eichstätt wurden 135 Alumnen eingezogen: 30 starben, fünf gelten als vermisst, weitere 30 wechselten während des Krieges den Beruf. Bauch resümiert: „Das Studium der mehr als 1000 Personalakten der Kriegstheologen im Seminararchiv wird zu einem überzeugenden Beweis für den religiösen Glauben, die echte Vaterlandsliebe, aber auch für das gesunde Urteilsvermögen einer Jugend, von welcher ein verbrecherisches System das Leben forderte, der jedoch ihr Glaube nicht geraubt werden konnte.“

Weder Nazis noch Widerstandskämpfer

Die Spannung zwischen Glaubenstreue und Vaterlandsliebe stellte eine enorme Herausforderung für Seminarleitung, Lehrkräfte und Studierende dar. Die Betreuung eingezogener Seminaristen gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der Kriegsjahre. „Der Theologiekandidat als Soldat hatte es schwerer als seine Kameraden, wenn er das hohe Ideal des Priestertums nicht preisgeben wollte. Dazu kam noch das wachsende Misstrauen der Parteistellen gegen die Kriegstheologen und Priestersoldaten“, schildert Bauch.

Wie sich die Hochschule und ihr Lehrkörper während des Dritten Reichs verhielten, beschreibt Dr. Ludwig Brandl, Direktor des Diözesanbildungswerks, in einem Beitrag zu dem Buch „Katholische Theologie im Nationalsozialismus“ (2007). Die Hochschule konnte sich laut Brandl dem politischen Zugriff der Nationalsozialisten weitgehend entziehen. Michael Rackl, zunächst als Regens und Rektor und ab 1935 bis zu seinem Tod 1948 als Bischof von Eichstätt, bezog öffentlich Stellung gegen das Regime. Er verweigerte zunächst die Umsetzung von NS-Vorgaben wie dem Ariernachweis der Professoren, lenkte jedoch später ein, um die Existenz der Hochschule nicht zu gefährden. Die Entrechtung der Einrichtung konnte er damit jedoch nicht verhindern.

„Die Professoren waren wohl grundsätzlich antinazistisch gesinnt“, schreibt Brandl. „Wenn sie auch Gegner des Nationalsozialismus waren, als Kämpfer gegen den NS-Staat und seine Machenschaften sollten sie nicht bezeichnet werden.“ Wirklich aktive Gegner des Regimes seien lediglich Franz Xaver Wutz, Priester und Professor für Altes Testament, sowie – im Hintergrund – der Fundamentaltheologe Joseph Lechner gewesen. Lechner, der im November 1933 – wie alle Eichstätter Hochschullehrer außer dem Kirchenrechtler Ludwig Bruggeier – das sogenannte „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“ unterzeichnet hatte, verfasste 1937 unter dem Pseudonym „Michael Germanicus“ ein Flugblatt: einen offenen Brief an Goebbels, in dem er das Ende einer unabhängigen Justiz in Deutschland beklagte. Viele Fragen zur Haltung der Lehrenden und Studierenden gelten laut Brandl bis heute als ungeklärt.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Diesen Eindruck bestätigt auch Simon Heindl, Pfarrer und ehemaliger Alumnus des Seminars, in seiner 2016 veröffentlichten Arbeit „Das Priesterseminar und die Hochschule in Eichstätt zur Zeit des Nationalsozialismus“. Er schreibt: „Es bleibt den jungen Theologinnen und Theologen von heute überlassen, die Abscheulichkeiten dieser menschenverachtenden Ideologie aufzuarbeiten.“

Das Priesterseminar bewahrt die Erinnerung sowohl durch Publikationen über seine Geschichte und das jährliche Totengedenken von Collegium Willibaldinum und Collegium Orientale rund um den Allerseelentag im Atrium als auch durch seine Beteiligung an Projekten und Bildungsprogrammen zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Antisemitismus und der Rolle der Kirche in totalitären Regimen, wie Regens Michael Wohner berichtet. Im Rahmen einer Werkwoche im September plant das Haus eine Exkursion zur Gedenkstätte Dachau, bei der Militärpfarrer Dr. Petro Stanko über Seelsorge in Kriegssituationen sprechen wird.

Stanko stammt aus der Ukraine, ist Militärseelsorger in Ingolstadt und außerordentlicher Spiritual im Collegium Orientale (COr), das seit seiner Gründung im Jahr 1998 im Gebäudekomplex des Eichstätter Priesterseminars untergebracht ist. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nahm das COr übergangsweise ukrainische Flüchtlinge auf. Aufgrund dieser Erfahrung und weil sowohl die Leitung des Collegiums als auch 20 Studenten aus der Ukraine stammen, ist der Krieg im Haus wieder verstärkt Thema. Seit 2022 beteiligt sich das COr regelmäßig am ökumenischen Friedensgebet in Eichstätt, im vergangenen Jahr organisierte es die Ausstellung „Ikonen auf Munitionskisten“.

„Jeder Ukrainer hier im Collegium Orientale ist vom Krieg betroffen. Entweder leistet jemand aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis Militärdienst oder ist im Krieg gefallen“, sagt Vizerektor Mykola Dobra, der aus Transkarpatien stammt. Priesteramtskandidaten und Geistliche sind in der Ukraine grundsätzlich nicht von der Wehrpflicht befreit. Studierende unter 25 Jahren werden jedoch nicht zwingend mobilisiert. Priester zählen – ähnlich wie Lehrkräfte – zur „kritischen Infrastruktur“ und können vom Dienst an der Waffe ausgenommen werden. Viele von ihnen wirken als Militärseelsorger. „Wenn ein Priester eingezogen wird, dann dient er als Seelsorger, nicht als Soldat“, betont Dobra. Doch auch er bleibt nicht unberührt vom Krieg, so wie einst die jungen Theologen in Eichstätt vor 80 Jahren.

Text: Geraldo Hoffmann